Interview mit Mario Kuster


Über Marktbedürfnisse, neue Fertigungsmethoden und digitale Herausforderungen

Mario Kuster, Maschinenbauingenieur bei CREALET, beantwortet Fragen zu den aktuellen Herausforderungen, zu Trends wie Industrie 4.0 oder das Internet der Dinge und über die Positionierung von CREALET im globalen Textilmarkt.

 

Mario Kuster (l) und Andreas Wirz von CREALET diskutieren eine neues Produktdesign.

 

Herr Kuster, zusammen mit Andreas Wirz bilden Sie die zweite Generation der Crealet AG, seit etwas mehr als einem Jahr auch mit mehr Verantwortung. Welche drei grössten Herausforderungen würden Sie heute für die neue Führungsmannschaft nennen?


Erstens muss ich kurz präzisieren, die Geschäftsführung liegt zur Zeit immer noch bei Walter Wirz und Leo Kuster. Andreas und ich sind in erster Linie verantwortlich für die Entwicklung neuer Produkte. Wir bilden zusammen sozusagen das interne «Research & Development-Team».

Zu den grossen Herausforderungen gehören aus meiner Sicht:

A: Die Marktbedürfnisse der Textil- und Gewebehersteller frühzeitig zu erkennen und entsprechend innovative Produkte zu lancieren.

B: Neue Fertigungsmethoden – wie «additive manufacturing» – zählen zu den wichtigsten Entwicklungstrends. Wir haben diese Entwicklung im Auge und wenden sie bei geeigneten Anwendungen an.

C: Industrie 4.0 und das Internet-der-Dinge sind weitere, wichtige Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen.

 

Sie sagen es: überall ist die Rede von der «Industrie 4.0», dem «Internet-of-Things», «Big-Data» oder auch «Smart-Devices». Crealet ist seit Jahren weltweit führend in der elektronischen Steuerung von Zuführsystemen in der Textil- und Gewebeindustrie. Wie reagieren Sie auf diese «Mega-Trends»?


Sie haben recht, es wird viel über Industrie 4.0 gesprochen. Die Entwicklungen der neuen, digitalen Möglichkeiten beobachten wir natürlich genau.

Wir als Lösungsanbieter an Webmaschinen rüsten unsere Steuerungen standardmässig mit entsprechenden Bus-Systemen (wie z.B. CANopen) aus, so wie das hauptsächlich in der Automatisierungstechnik eingesetzt wird.

Wir können heute Lösungen realisieren, die präzise und schnell die Fadenspannung von verschiedenen Kettbäumen synchronisieren und in einem intelligenten Systemverbund miteinander koppeln.

Zudem besitzen unsere Antriebe integrierte Sicherheits- und Komfortfunktionen, die neben der funktionalen Sicherheit im Gesamtsystemverbund auch die Fähigkeiten der Kommunikation und Diagnose umfassen. So wird auch die Messwerterfassung und Signalverarbeitung im Kontext eines übergreifenden Gesamtprozesses ermöglicht.

Aber auch die Webmaschinenhersteller sind gefordert, die richtigen Antworten auf diese Trends zu finden.

 

Wechseln wir auf die Kundenseite. Die Komponenten von Crealet sind auf allen Kontinenten im Einsatz, bei grossen und kleineren Produzenten, für Grossproduktionen bis zu Einzelstücken in der High-Tech-Industrie. Wie beurteilen Sie die Reaktion bei Ihren Kunden angesichts dieser digitalen Trends?


In den Gesprächen mit Webereien höre ich oft ein gewisses Misstrauen gegenüber diesen Technologien. Meldungen von Angriffen, von Fehlern im laufenden Betrieb durch Manipulation der Stromversorgung oder durch das gezielte Hinzuführen von Störungen, verunsichern die Kunden verständlicherweise.

Ich spreche zwar lieber von «Sensibilisierung». Und das ist in diesem Kontext sicher wichtig.

Das heisst: Es wird noch einiges an Überzeugungsarbeit notwendig sein, um das Vertrauen in IoT-Lösungen weiter zu festigen.

Mein Ansatz: Zuerst braucht es die Kundenakzeptanz für solche Lösungen. Zweitens, der Rahmen der Lösung muss für die beabsichtigte Anwendung passend sein. Also nur so viel, wie für die angestrebte Produktion tatsächlich nötig und sinnvoll ist.

So lassen sich auch die Sicherheitsrisiken besser kontrollieren.

 

Sie haben als Schweizerisches Unternehmen erfolgreich auf die Währungssituation seit 2015 reagiert und Ihre Position im internationalen Markt trotz ungünstigen Bedingungen sogar noch weiter gestärkt. Wie hat Crealet das geschafft?


Ich denke, dass drei Dinge eine zentrale Rolle spielten:

Unsere gute Reputation, die über die vergangenen Jahre aufgebaut wurde, hat sicher primär dafür gesorgt, dass wir diese schwierige Zeit mit Erfolg meistern konnten.

Zweitens sind die Partnerschaften teilweise neu ausgerichtet worden. Es war nicht immer einfach. Wir hatten unter anderem entschieden, bestimmte Fertigungsteile kostengünstiger zu beschaffen. Das heisst, gewisse Teile unserer Anlagen werden heute nicht mehr in der Schweiz hergestellt. Andererseits konnten uns durch die veränderte Situation auch schweizerische Lieferanten in gewissen Bereichen bessere Konditionen anbieten.

Und drittens: Wir hatten die Währungsanpassung schon früh antizipiert und unsere Kommunikation mit Kunden, dem Vertreternetz und den Medien ab 2014 ausgeweitet und verbessert. Das hat im Hinblick auf unseren Bekanntheitsgrad im Markt sicher Früchte getragen.

Das hat sich eigentlich alles positiv ausgewirkt, auch für unsere Kunden. Das Angebot konnte erweitert werden, sowohl auf Produkte- wie auch auf Service-Ebene.

 

Mario Kuster (mario.kuster@crealet.ch) ist seit 2007 bei CREALET AG als Maschinenbauingenieur tätig. In dieser Zeit hat er Engineering-Projekte für die Automobilindustrie im Bereich Anlagenbau sowie neuste Entwicklungen in der Zuführung von Kohlefaser ab Webgatter zur Webmaschine realisiert.